"Wo Rhein und Main sich einen, ist ein beudeutungsvolles Stück deutscher Erde. Es hat in Natur, Wissenschaft und Kunst den Menschen großes gegeben... Heilquellen sprudeln dort seit Jahrtausenden, stolze Dome ragen an seinen Strömen als Zeugen jahrtausendalter Kultur, und durch die Gegenwart klingt die Melodie des Fleisses aus tausend Orten..."

Willkommen in Gustavsburg... oder wie wir sagen, "Willkomme' uff d'Bursch"!

So beginnt das schöne Buch "Wo Rhein und Main sich einen", herausgegeben von der MAN im Jahre 1950, Text von Ch. Kleukens, Eggebrecht-Presse, Mainz. Weil der Text besonders bedeutend ist, lesen wir gemeinsam weiter... bitte bedenken Sie jedoch, das sehr viel in Gustavsburg geschehen ist, seit folgenden Text entstand.

"Mammute und riesige Hirsche haben hier vor Millionen Jahren gegrast. Ihre gewaltigen Skelette wurden, in erhabener Gleichgültigkeit, von den furchtbaren Sandstürmen der Steppenzeit begraben und dadurch der Gegenwart als prächtige Museumsstücke erhalten. In den Sammlungen von Mainz bis Wiesbaden kann man sie heute bewundern. --Selbst in den unteren Lagen der Sande hat man Werkzeuge des Menschen gefunden. Bereits der Urmensch hat hier von mehr als 100.000 Jahren gelebt und gejagt. --Wanderhorden der Eiszeitmenschen haben hier gelagert und mit der Asche ihrer Feuer uns Reste ihrer primitiven Kunst zurückgelassen. --Pfahlbauten standen an sumpfigen, überschwemmungsreichen Ufern...


Diese rekonstruierte Steinzeit/Eisenzeit-Pfahlbauten am Bodensee (www.pfahlbauten.de) zeigen wie die Menschen der Steinzeit an den Ufern und Inseln der Mainspitze gelebt haben. Für mehr infos
über Pfahlbauten in Deutschland siehe:
www.archaeologie-online.de, Pfahlbauten und Ufersiedlungen.

Völker kamen und vergingen. Aber die uralte Siedlung am Rhein, an der Mündung des Maines, blieb und wuchs heran zu einem wichtigen Kulturbollwerk im Westen.

Schon in vorgeschichtlichen Zeit hatten hier die Kelten eine Niederlassung. Die Römer legten auf ihren Eroberungszügen in Mainz 38 vor Christi ein befestigtes Lager an. Mainz wurde zur Festung. Kastel entstand, und auch die Mainspitze (auch Gustavsburg) wurde verschanzt. Mit dem Verfall des römischen Reiches, dessen Herrschaft hier fast vier Jahrhunderte dauerte, wurde Mainz und Umgebung wiederholt verwüstet, besonders stark 368 durch die Alemannen, dann durch die Vandalen und Hunnen. Aber die erhaltenen Bauten des Mittelalters legen noch heute beredt Zeugnis ab von dem ungebrochenen Kulturwillen unserer Vorfahren.

Während des Dreißigjährigen Krieges durchtoben die Stürme der Reformation die Länder. Brüder kämpfen gegen Brüder. Auch der Schwedenkönig Gustav Adolf nimmt daran teil. Es waren nicht nur rein religiöse und keinesfalls rein politische Beweggründe, die ihn zum Eingreifen veranlaßten. Kämpfend durchziehen seine Heere Deutschland und siegen in offenen Schlachten. Städte werden belagert, ausgehungert und im Sturme genommen, so auch die Stadt Mainz am 13. Dezember 1631.

 
König Gustav Adolf (links oben die Gustavsburg, rechts oben die Stadt Mainz)

Ein schwedischer Befestigungsgürtel wird jetzt um die Stadt gelegt. Auf der Mainspitze entsteht ein große Sternfestung (die Gustavusburg). Mit einem gewaltigen Aufgebot von Arbeitern, etwa 1600 Mann, meist hessische Bauern, die zu diesem Dienst gepreßt worden waren, wurde sie innerhalb eines einzigen Jahres aufgeführt. Mann nannte sie zuerst ironish Pfaffentraub, weil die robusten Schweden der benachbarten Geistlichkeit neue, einengende Regeln und Gesetze vorschrieben.

Erst nach dem Tode Gustav Adolfs, der inder Schlacht bei Lützen im November 1632 fiel, erhielt sie durch eine Verfügung des Kanzlers Oxenstierna im Namen der Köngin Christine, der Tochter Gustav Adolfs, 1633 den Namen GUSTAVSBURG.

Um eine städtische Siedlung ins Leben zu rufen, versprach der Erlaß ansehnliche Privilegien. Innerhalb der Burgwälle dürfte Platz für eine Kirche und 600 Häuser gewesen sein. Wer bei der Gustavsburg sich anbaute, sollte 20 Jahre frei von allen Lasten bleiben."

Der Kanzler Oxenstierna ließ am 04. Dezember 1633 den Erlaß an vielen Stellen öffentlich anschlagen. Aber niemand folgte dem Rufe des Schweden. (Die Gustavsburg blieb weitgehend unbesiedelt).

Die älteste Abbildung der Gustavsburg, von Merian im Erbauungsjahre nach dem ausführlichen Plan gefertigt, trägt die Bezeichnung Pfaffenraub. Ein späterer Stich diesselben Meisters, eine Darstellung ohne Raveline, nennt sie Gustavsburg.

Man darf annehmen, daß die Schweden durch die Unsicherheit der Zeit zu beschleunigter Fertigstellung der Burg gedrängt wurden und deshalb die einfachere Ausführung wählen mußten.

Ein Torturm bewachte den einzigen Zugang zur großen Sternfestung und gewährte einen weiten Rundblick (nach Mainz und Mainz-Kostheim). Über Tore trug er das königlich-schwedische und das kurfürstlich-brandenburgische Wappen. Sechs Bastionen mit steinbewehrten Wällen trotzten nach allen Seiten. Ein dreißig Meter breiter Graben mit nachmaligem Wehrgange umzog das Ganze. --Das Steinmaterial der Bauten stammte im wesentlichen von der Ruine des Alban-Stiftes in Mainz.

 
Das königlich schwedische und das kurfürstlich-brandenburgische Wappen

Beim Auswerfen der Festungsgräben der alten Gustavsburg stießen die Schanzarbeiter wiederholt auf weitläufige Fundamentreste aus römischer Zeit: ein Altar wurde gefunden, zahlreiche Münzen und Vasen, selbst Statuen kamen ans Licht.

Einige größere Funde mauerten die Schweden im Eingange der eben entstehenden Burg ein. Später wurden diese von dem französischen General Courval in die Zitadelle in Mainz versetzt. Wenige Stücke sind noch in den Museen von Mannheim und Mainz erhalten.

Die kostbarsten Fundstücke jedoch sind wohl dem Schiffe beigeladen worden, das für den Kanzeler Axel Oxenstierna Kunstwerke und Altertümer nach Schweden bringen sollte. Dieses Schiff ist mitsamt seiner Ladung, darunter die wertvolle kurfürstliche Bibliothek aus der Martinsburg zu Mainz, die nicht weniger kostbare des Klosters Eberbach, vermütlich auch die klassischen Gemälde des Meisters Matthias Grünewald, die von den Schweden als Kriegsbeute aus dem Mainzer Dom entführt wurden, bei stürmischem Wetter in der Ostsee untergegangen.

 Kanzler Axel Oxenstierna

Der Historiker Josef Fuchs, Benediktiner der Abtei Seligenstadt, glaubte aus den Fundamentresten und Funden schließen zu dürfen, daß hier vor Zeiten ein römisches Castell gestanden habe: ein quadratisches, stark befestigtes und wohl mit acht Wachtürmen versehenes Lager, von Trajanus erbaut. (Dem heutigen Wissensstand nach gilt diese Vermutung als unwahrscheinlich. Ein römischer Brückenkopf zur Sicherung der römischen Mainbrücke ist eher vorstellbar.)

Die Aussichten, heute noch auf unserem Terrain aufschlußreiche Grabungen vornehmen zu können, sind sehr gering, da das ganze Gelände beim schwedischen Festungsbau stark durchwühlt wurde. Wir glauben aber, heute noch im Main, in der Höhe der Kostheimer Brücke, hölzerne Pfeiler der römischen Brücke zu erkennen, die Verbindung des Trajanus-Castells mit dem Kasteler Castell. (Heute wissen wir daß die römische Mainbrücke ca. 200m südlich der heutigen Kostheimer Brücke zu finden ist --bei extremem Niedrigwasser sind die Brückenpfeilerreste noch zu sehen: Siehe "Gustavsburg" oben, dann links "Brücken" in der Navigation dieser Seite.)

Nur bei ausgewöhlich niedrigem Wasserstande sind diese wuchtigen Ständer zu sehen. Und wir spüren wohl auch im ersten geraden Teil der Landstraße nach Ginsheim, die am Werk Gustavsburg der MAN vorbeizieht, die alte Römerstraße, die an die Brücke anschloß und nach Groß-Gerau (...und weiter nach Ladenburg [Lopodunum]) führte.
...Diese alte Römerstraße verläuft fast geradlinig zwischen Wiesbaden (Aquae Mattiacorum, das "Haupt Vicus" fürs Provinz Civitas Mattiacorum), Mainz-Kastel (Castellum Mattiacorum), das heutige Kostheim, dann mittels der römischen Mainbrücke zum Provinz Civitas Auderiensium und durch das heutige Gustavsburg, direkt nach Groß-Gerau, das ursprüngliche "Haupt Vicus" vom Provinz Civitas Auderiensium. Der weiteren Verlauf dieser Römerstraße verläßt den Vicus Groß-Gerau mit einem Knick nach Süden und führt weiter nach Ladenburg (Lopodunum) am Neckar, der Hauptort des südlich gelegenen Provinz Civitas Ulpia Sueborum Nicrensium.
Für eine Visualisation dieser Römerstraße, siehe:
http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Limes2.png
(Notiz: In früh-römischer Zeit war Gross-Gerau ein Hauptlegionslager und "Vicus" südlich & westlich des Mains --bis fast zum Neckar (nördlich der Bergstrasse) im Süden. Dieses Ursprungsgebiet wurde Civitas Auderiensium genannt; ein Provinz innerhalb von Germania Superior. Etwas später, als das Gebiet Richtung Osten expandierte und der Odenwald-Neckar-Limes fertiggestellt war, scheint Groß-Gerau weiterhin ein wichtiger Vicus zu bleiben, jedoch die Hauptrollen und Verwaltungsaufgaben wurden nach Dieburg verlegt sowie die römische Truppen weiter östlich an den verschiedenen Limeskastellen an den fertiggestellten Limes stationiert. Leider ist heute nur ein Fragment des damaligen römischen Namens von Dieburg bekannt: Vicus Med... Der römische Name für den Vicus Groß-Gerau bleibt noch heute komplett im Dunkeln.

Quelle: Wikipedia, siehe Link unten.

 http://de.wikipedia.org/wiki/Civitas_Auderiensium; http://de.wikipedia.org/wiki/Limes_(Grenzwall)

Die Gustavsburg, die Ende 1634 einem ernstlichen Ansturme standhielt, wurde am 18. September 1635 während der Belagerung von Mainz durch die kaiserlichen Armee, von den Schweden geräumt und nachher von den Kaiserlichen besetzt. Sie hatte nur noch geringen militarischen Wert, da die Höhe jenseits des Rheines in den Händen der Belagerer war. Im Verlaufe vieler Jahrzehnte wurde sie zur Ruine. Ihre Steine wurden aus Wällen und Wehren ausgebrochen und zu neuen Besfestigungswerken in Mainz verwendet, die der Erzbischof Johann Philipp von Schönborn (1647-1673) baute.

 Johann Philipp von Schönborn, Erzbischof zu Mainz

Noch einmal, im Jahre 1793, hören wir von Artilleriestellungen dort. Mainz war in den Händen des französischen Bürgergenerals Custine und wurde von den verbündeten kaiserlich-preußisch-sächsisch-hessichen Armeen belagert. Es hatte unter dem Beschluß der preußischen Batterien, die auf der Mainspitze verschanzt waren, sehr zu leiden.

Die Besatzung der Stadt versuchte deshalb einen Anschlag auf diese Stellung. Aus dem alten Plan erlesen wir, daß die ehemalige Gustavsburg jetzt als vollkommene Ruine keinerlei miliarische Vorteile mehr bot, und daß die Preußen und Sachsen ihre Artilleriestellungen zum Teil außerhalb der eigentlichen Burg angelegt hatten.

Gras, Unkraut und Sträucher haben die zerstörte Festungsanlage überwuchert, deren nördlichen Teile wir heute noch in den Unebenheiten der Oxenwiese, so im Katasterplan nach Oxenstierna genannt, erkennen können. Wir ahnen hier den dreißig Meter breiten Graben, den Außenwall mit Wehrgang, zwei Bastionen, und die Stelle, wo zwischen beiden der Torturm stand.

Lange Zeit diente der dem Rhein und Main zugekehrte Teil des Festungswalles als Fortsetzung des Hochwasserdammes (siehe oben), bis dieser wegen des Durchstiches bei der Anlage des Hafens IV die ihm zugewiesene Aufgabe hier nicht mehr erfüllen konnte. Der neue Damm wurde auf den südlichen Wall verlegt.

Der jetzige Bahnhof von Gustavsburg liegt im Mittelfeld der alten Burg.

Als im Jahre 1859 die Hessische Ludwigsbahn-Gesellschaft beschloß, die Verbindung der links- und rechtsrheinischen Strecken durch eine feste Eisenbahnbrücke herzustellen, wurde die Ausführung der eisernen Überbauten der Firma Klett & Co. in Nürnberg übertragen. Um den Transport des in der Hauptsache aus dem Saargebiet kommenden Eisens nach Nürnberg zu ersparen, wurden zwischen dem alten und neuen Bahnkörper, im Westen begrenzt von dem Wall der alten Festung, ein Montageplatz angelegt und Fertigungswerkstätten errichtet. Immer mehr Bauten vervollständigten die Anlage; auch das heute noch bestehende sogenannte Gerberhaus wurde damals errichtet, bis sich schließlich aus dem ursprünglichen Provisorium auf Grund der verkehrstechnisch außerordentlich günstigen Lage das "Werk Gustavsburg" entwickelte.

 Logo 1854

Der Bau der Eisenbahnbrücke über den Rhein gab auch den Anstoß zum Aufblühen der Orstschaft Gustavsburg durch die umfangreichen Ansiedlungen der M.A.N. --zielstrebige Menschen arbeiten hier auf altehrwürdigem Boden.

Denn wo Rhein und Main sich einen, ist ein gesegnetes Stück deutscher Erde. Mächtige Dome ragen an seine Strömen als Zeugen einer alten Kultur. Dort wurden der Welt ein Gutenberg und ein Goethe geschenkt.

Und durch die Gegenwart klingt die Melodie des Fleißes aus tausend Orten.

Hierzu gehört Gustavsburg."